Um das Risiko und die Auswirkungen von Osteoporose nachhaltig zu reduzieren, gibt es zentrale Herausforderungen, die es dringend zu bewältigen gilt:
Grundlage jeglicher Adressierung der Herausforderungen ist die Schärfung des Problembewusstseins über alle Handlungsebenen hinweg. Öffentlichkeit, Medien und Politik, aber auch die Akteur*innen in Prävention, Versorgung und Forschung müssen sich der Tragweite der mangelnden Berücksichtigung der Osteoporose im gesamten Gesundheits-, Sozial- und Gemeinwesen bewusst werden. Diese Erkrankung betrifft explizit nicht nur die Gesundheit der Betroffenen, sondern hat auch weitreichende soziale und ökonomische Konsequenzen, die alle Ebenen der Gesellschaft betreffen. Allgemeine Aufklärungskampagnen, Sensibilisierungsaktionen, spezifische Informationskanäle mit Angeboten an bestimmte Zielgruppen sind nur ein paar Elemente der nötigen Schaffung der sogenannten «awareness» für Osteoporose. Auf dem Boden dieses ausgeweiteten Bewusstseins können die folgenden Herausforderungen mit ausreichender Unterstützung umrissen und angepackt werden.
Späte Diagnose und fehlende Prävention: Osteoporose und Osteosarkopenie werden häufig erst nach Frakturen diagnostiziert, was präventive Massnahmen und frühzeitige Behandlungen erschwert und zu höheren Langzeitkosten führt. Es fehlen regelmässige Knochendichtemessungen, diese sind zudem oft nur unter zu restriktiven Vorgaben von Krankenkassen abgedeckt. Zudem fehlen systematische Screenings. Mit der Schliessung dieser Lücken könnte insbesondere für ältere und gefährdete Patientengruppen die Früherkennung und Prävention signifikant verbessert werden. Die Chancen der Digitalisierung für die Begleitung über den ganzen Patientenpfad hinweg sind ebenfalls noch kaum untersucht.
Unzureichende Unterstützung: Häufig fehlt eine gezielte Unterstützung zum Selbstmanagement und zur Lebensstiländerung, so dass die Möglichkeiten zur aktiven Beeinflussung der Erkrankung und zur Förderung der Prävention nicht ausreichend genutzt werden.
Mangelndes Co-Management für Frakturpatient*innen: Patient*innen mit Fragilitätsfrakturen erhalten oft nicht die optimale Koordination und Unterstützung im Spital, da es an Informationen und vernetzten Behandlungspfaden mangelt. Entscheidend im Setting Akutspital ist es daher, die Zusammenarbeit von operativ (Orthopädische Chirurgie und Traumatologie) und nicht-operativ tätigen Fachdisziplinen (Medizin, Geriatrie) zu fördern. Durch diesen ganzheitlichen Anspruch wird die Versorgungsqualität komplexer Osteoporose-Patient*innen mit Fraktur optimiert.
Ein flächendeckender Fracture Liaison Service (FLS) in der Schweiz würde zusätzlich die Identifikation und das Management von Patient*innen
mit osteoporotischen Frakturen nachhaltig verbessern, um Folgefrakturen zu verhindern. Dies würde nicht nur die Versorgung und Lebensqualität
der Betroffenen steigern, sondern auch langfristig Gesundheitskosten senken, was angesichts des demographischen Wandels immer wichtiger wird.
Eingeschränkte Rehabilitation: Patient*innen mit Mobilitätseinschränkungen nach Operationen werden häufig in Alters- oder Pflegeheimen
untergebracht, anstatt direkt rehabilitiert zu werden. Dies verlängert den Genesungsprozess und erhöht die Belastung der Pflegeeinrichtungen.
Steigende Krankheitskosten: Allein für die Periode 2010 bis 2025 wird erwartet, dass die Kosten für Osteoporose-bedingte Frakturen um 29 % steigen werden . Diese Kosten umfassen sowohl akute Frakturbehandlungen als auch Langzeitkomplikationen und präventive Massnahmen.
Forschung: Es besteht ein Mangel an umfangreicher, nationaler Forschung zu Osteoporose-Risikofaktoren, Behandlungserfolgen und der langfristigen Wirkung präventiver Programme. In der Schweiz wird wenig in Studien investiert, die z. B. den Einfluss von Lebensstilinterventionen auf das Frakturrisiko untersuchen. Ebenso fehlt es an aktuellen Daten zur Inzidenz und zu den sozioökonomischen Auswirkungen von Osteoporose, was die Planung und Finanzierung effektiver Präventions- und Behandlungsprogramme erschwert.
Nationales Osteoporose-Register: Die bestehenden Register decken die Schweiz nicht flächendeckend ab und bieten deshalb eine unvollständige Datenbasis. Ein übergeordnetes, nationales Osteoporose-Register ist notwendig, um eine repräsentative Erfassung von Gesundheitsdaten zu ermöglichen. Dies erfordert auch die Verknüpfung bestehender Register, um Synergien zu schaffen und eine umfassende Datenanalyse für Forschung, Prävention und Versorgung zu gewährleisten.